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Sergius Golowin

Sagenforscher, Erzähler, Dichter und Autor

Sergius Golowin, am 31. Januar 1930 geboren, am 17. Juli 2006 in Bern gestorben.
Das umfangreiche schriftstellerische Werk des Volkskundlers, Mythenforschers und Kenners der magischen Traditionen inspirierte seit Mitte der Sechzigerjahre unzählige Leser und Zuhörer dazu, sich den vergessenen und verdrängten Bereichen der Kultur und des eigenen Wesens zuzuwenden.

Sergius Golowin nahm 1988 am ersten und 1990 am zweiten von Urs Tremp organisierten «Symposium für Alchemie» im Stadttheater St.Gallen teil.

In Prag geboren – seine Eltern sind dort auf der Flucht vor dem Stalinismus. Als Dreijähriger kommt er nach Bern, in das Heimatland seiner Mutter, der Dichterin und Slawistin Alla von Steiger.
Von seiner Grossmutter, die aus dem ostslawischen Wolhynien und Woronesch stammt, lernt er den Sinn in den mündlichen Überlieferungen erkennen.

Bild: Armando Bertozzi
Bild: Armando Bertozzi

Den grössten Teil seiner Jugend verbringt er in Bern. Entscheidend ist jedoch ein langjähriger Aufenthalt in Paris, wo ihn sein von der Familie getrennt lebender Vater, ein russischer Bildhauer, in die Bohème-Kreise um Cocteau, Sartre und Céline einführt.
Die Begegnungen mit Flüchtlingen aus östlichen Ländern, Zigeunern verschiedener Stämme, Theosophen und Okkultisten beeinflussen ihn stark. Danach lässt er sich in Bern zum Bibliothekar ausbilden.
Von 1950 bis 1967 ist er Bibliothekar in Bern und Burgdorf. Dort widmet er sich den Sagen der inzwischen fast verschwundenen Berufsgruppen der Hirten, Köhler, Fischer, Gebirgsjäger, Baderinnen und Spielleute und besonders des verfolgten fahrenden Volkes.

In den Fünfzigerjahren veröffentlicht er einige Bändchen mit romantischen Gedichten. Gehört zu den Mitbegründern des Phantastischen Realismus in der Literatur. Zusammen mit Freunden (wie schon 1951 mit dem Wiener Dichter H. C. Artmann) gründet er subkulturelle Diskussionszirkel, die den Wurzeln der Erzähl- und Volkskunst nachgehen.
In den Sechzigerjahren ist er in der Berner Avantgarde und der Jugendbewegung aktiv. In den Berner Dichterkellern, insbesondere im «Junkere 37», pflegt er in einem bunten Kreis von Künstlern, Freaks, Studenten und Gammlern die Tradition der mündlichen Überlieferung, erzählt Sagen und Mythen, von Kräutern und Kräften. Er verkehrt bei den Zürcher Hells Angels und begleitet den aus dem Gefängnis befreiten Harvard-Professor Timothy Leary (der wegen der Propagierung von LSD verurteilt wurde) in seinem Schweizer Exil.
1967 wird er freier Schriftsteller. Beim ersten Auftritt der legendären Berner Rockgruppe Rumpelstilz im Kellertheater Thun liest er eigene Texte, Lyrik von Timothy Leary und aus dem «Tibetanischen Totenbuch».
1973 nimmt er mit den «Kosmischen Kurieren» die Platte «Lord Krishna von Goloka» auf, auf der er zu improvisiertem elektronischen Klang Texte spricht.

Bild: Armando Bertozzi
Bild: Armando Bertozzi

Von 1971 bis 1981 kämpft er als Mitglied des Berner Grossen Rates für eine aufgeschlossene alpenländische Kulturpolitik, für die Jugendbewegung und für den Umweltschutz.
Besonders engagiert er sich gegen das Unrecht, welches das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute an jenischen Kindern (die systematisch zwangsbevormundet und ihren Familien entrissen werden) jahrzehntelang, bis Ende der Siebzigerjahre, begeht.
Friedrich Dürrenmatt reicht ihm den Literaturpreis des Standes Bern weiter und sagt über ihn: «Sein Herz gehört den Vogelfreien unseres Rechtsstaates. Er sucht Gerechtigkeit für jene, die für uns immer unrecht haben.»
1974 erhält er den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung für seine Verdienste um die Volkskunde und die Kulturen am Rande der Gesellschaft.

In den folgenden Jahrzehnten schreibt er unzählige Bücher und Artikel zu volkskundlichen Themen, über Magie, Tarot, Hexen, Brauchtum, Alchemie, Mythen, Zigeuner, Dada, Märchen und Sagen.
1988 ist er Referent am ersten «Symposium für Alchemie» in St.Gallen, 1990 auch am zweiten.
Seine Essays zu Geschichte und Überlieferungen der Schweiz und Europas sind Ergebnisse intensiven Forschens, vieler Gespräche und Vorträge an über 2000 Abenden.

Sergius Golowin stirbt am 17. Juli 2006 in Bern.


Werke (Auswahl)

Bild: Armando Bertozzi
Bild: Armando Bertozzi



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